Hollow Knight Silksong
Ich gehöre zu den Leuten, die Hollow Knight nie wirklich mochten. Sicher kann ich die Qualitäten des Erstlings sehen und anerkennen, aber gezündet hatte es für mich nie. Deswegen spielte die Wartezeit auf Silksong für mich auch kaum eine Rolle. Vom ersten Trailer wusste ich zwar schon, dass der 2. Teil eher was für mich sein würde, aber ist halt HK, right?
Der kollektive Hype im Internet und jener meiner Schwester sowie alle abstürzenden Stores haben mich dann aber irgendwie doch zu einem Spontankauf für läppische 20€ motiviert.
Kurz: Hollow Knight Silksong ist trotz kleinerer Schwächen ein Meisterwerk.
Gleich zu Beginn bemerkt man, dass Team Cherry ein bisschen Geld (und Zeit …) zur Verfügung hatte – Production Value ist hier an allen Ecken und Kanten auf dem Maximum. Großartige Cutscenes, wunderschöner Artstyle, perfekte Animationen, geniales Sounddesign und Musik aus dem Himmel. Der Detailreichtum ist astronomisch.
Auch beim Spielgefühl ist alles top, präziser und responsiver geht eine Steuerung wohl kaum. Es ist gepolished wie der sanfteste Babyarsch auf dieser Welt (einen Softlock hab ich trotzdem gefunden, beim Endgegner hahaha).
Silksong ist ein Metroidvania auf Stereoiden. Man kann darin Metroid Dread/Fusion sehen, Symphony of the Night (neben der aus dem ersten Teil bekannten leichten Souls-Ähnlichkeiten), das beste von den besten zum Besten vermischt.
Trotz dieser Superlative ist das für mich aber nicht das beste Metroidvania aller Zeiten, dafür ist dieser Typ dieses ausgedachten Genres nicht genug meins, denn: Ein Metroidvania-Spiel hat 5-12 Stunden für das Durchspielen lang zu sein. Nun ist HK verantwortlich für den Trend (den ich hiermit einfach behaupte), dass die Spiele dieses Genres stattdessen viel, viel, viel, viel länger sind. Für die meisten ein Plus, ich frag mich da eher nach dem Warum, aber was soll’s: Silksong ist natürlich auch arschlang, also wirklich bodenlos riesig. Ist es damit viel zu groß und viel zu lang? Ja. Ist es aber extrem vollgepackt mit Content, der mega geil ist? Ja! Ich kann dem Spiel also gar nicht böse darum sein … wenn etwas so gut ist und so viel Spaß macht, dann ist es auch mal ok, dass es nicht enden will ..
Was dabei ganz besonders heraussticht, ist, wie viel Content hier tatsächlich unique ist (ich würde schätzen: über 90%!) … also keine Gegnertypen oder Bosse iwie kopiert und anders angemalt wurden, nein, dieses Spiel ist eine Content-Atombombe mit unendlich vielen unterschiedlichsten Gegnern, Bossen und Gebieten. So kann auch bei der am ödesten klingenden Nebenquest am Ende ein cooler Boss bei rumkommen, der wirklich extra für diese Quest gebaut wurde.
Bosse gibt eine riesige Menge, und da ich Bosskämpfe sehr mag (sie sind quasi eine Belohnung an und für sich bereits), ist das Spiel in der Hinsicht wie für mich gemacht. Boss after boss after boss. Und die meisten knallen, sind grandios animiert, machen einen Riesenspaß. Die Bosse sind allesamt nahezu perfekt telegrafiert (sagt man das so?).
Das liegt auch am Kampfsystem, das ähnlich zu HK ist, aber Hornet ist um ein Vielfaches wendiger. Mordsgaudi. Einigermaßen simpel natürlich, aber durch die Seidemechaniken, die Tools, Parries, ein wenig Build Diversity und schlagmichtot ist das vollkommen ausreichend. Selten so spannende, tighte Kämpfe erlebt!
Die Story ist so eine Sache. Ganz nett. Ich fand Hornets initiale Motivation nicht sonderlich überzeugend (sie ist aber trotzdem cool). Anonsten gibt es viele interessante Motive, von Religion, Rebellion über Tod und Zerfall.
Was mich eher fasziniert hatte, waren die NPCs. Es gibt unzählige Figuren, die sehr viel Charakter haben, sowohl dank ihrer phänomenalen Animationen, aber auch aufgrund der Art, wie sie geschrieben sind. Da wird einiges an Individualität rausgeholt, so dass mir einige Charaktere durchaus mehr ans Herz gewachsen sind als ich es für so ein Spiel für möglich gehalten hätte. Was lieb ich diese Flöhe! Die ganzen Dörfer und Ortschaften sind sehr lebendig und manche entwickeln sich schön (generell ist in dieser Welt sehr viel in Bewegung). Klasse!
Jetzt mal zu ein paar kleinen Kritikpunkten: Zu lang und zu groß hatten wir ja schon, aber ein zu viel gibt es nicht nur allgemein, sondern auch konkret: Dieses Spiel könnte Hollow Knight Silksong: Arena heißen, denn selbst wenn wir 20 Kampfarenen streichen würden, dieses Spiel hätte immer noch viel, viel, viel zu viele von ihnen (unter Arena verstehe ich hier: Man betritt einen Raum, woraufhin alle Ein- und Ausgänge geschlossen werden und erst der Kampf bestritten werden muss, um weiterzukommen). Versteht mich nicht falsch, das Kämpfen ist Hauptbestandteil des Spiels und macht großen Spaß, aber Silksong übertreibt mit der Anzahl von Kampfarenen m.E. maßlos. Manche sind zudem auch noch bockschwer.
Ich hab nix gegen den Anspruch an sich, den ich für enorm hoch halte für ein Spiel, das derart breit gespielt werden wird … es wird ohne jede Frage Spieler aufgrund des teilweise sehr hohen Schwierigkeitsgrads verlieren, vor allem, wenn diese das tatsächliche Ende erleben wollen. Meine Schwester, die Hollow Knight über alles liebt, struggled bereits jetzt sehr. Das Spiel verlangt manchmal sehr viel von einem.
Ich mag das zwar so, aber bei manchen Kampfarena->Boss-Szenarien hab ich mich auch gefragt, was die eigentlich gekifft haben. Das Balancing ist hier sicher nicht ganz so rund wie der Rest des Spiels: Manches ist easy peasy, andere sehr, sehr schwer … wie gesagt hab ich kein Problem damit, einen Boss 40 Mal zu versuchen. Auch für den End-Endgegner hab ich stundenlang gebraucht. Ich würde also nicht sagen, dass es „zu schwer“ ist, aber die Bezeichnung „overtuned“ ist vereinzelt wahrscheinlich nicht verkehrt. Bin gespannt, ob Team Cherry auf die Kritik eingehen wird. Ich finde, das Spiel sollte einen Easy Mode spendiert bekommen (den man im besten Fall immer an- und ausschalten können sollte). Ansonsten seh ich mich wirklich sehr viele Arenen und Bosse für meine Schwester erledigen (und ich brauch dann auch lange!). Bemängeln könnte man ferner, dass einige Wege zurück zu den Bossen nach dem Ableben lang sein können. Hier merkt man, dass das Spiel ein klein wenig in der Zeit stehengeblieben ist, denn selbst Souls-Spiele haben sich davon gelöst, lange Laufwege zu ihren Bossen zu verlangen. Das geniale Movement hat das für mich allerdings erträglich gemacht.
Ebenfalls kaum oscarverdächtig ist das neue Questsystem. Man nimmt, uralter Tradition folgend, Quests an einem Brett in den Dörfern an. Das sind meistens Standardsachen wie sammel 10 von jenem, töte dieses, aber es gibt auch positives zu berichten: Viele Quests bieten wie gesagt einzigartige Bosse (manche sogar mit emotionalem Gewicht!) und viele bieten auch echte Überraschungen. Diese sind intrinsisch belohnend für mich, während andere Quests häufig nur ein wenig von der Hauptwährung geben oder zumindest Health Upgrade usw. Bereits sehr berüchtigt im Internet ist eine der bescheuerten Lieferquests, die einen durch die halbe Welt jagen - auf Zeitlimit (man sollte zudem nicht getroffen werden!). Dahinter versteckt sich aber eine sehr gute Belohnung ... mir hat es zwar durchaus gefallen , mir eine gute Route dafür auszusuchen, aber puh ...
Ein Problem (es ist hier nur eines, weil es nicht meinem Geschmack entspricht) dieser arschlangen Metroidvanias ist für mich immer, dass sie die großen Hauptfähigkeiten zu sehr ausdehnen. Das hatten Hollow Knight und das großartige Prince of Persia The Lost Crown ebenfalls.
Neu macht Silksong übrigens nichts. Das hier ist genau das, was man von einem Hollow Knight-Nachfolger erwarten kann. Es ist ein Metroidvania durch und durch. Es besticht dadurch, dass es das, was es tut, nahezu perfekt macht.
Man merkt, dass Team Cherry hier 6 Jahre am Stück alles gegeben hat.
9/10