Ich bin jetzt ca. 10 Stunden bei Dragon Age 2 dabei und mein "fundierter Ersteindruck" ist, dass DA2 kein schlechtes Spiel ist. Aber - und das ist aus meiner Sicht enttäuschend - es ist ganz sicher nicht besser als DAO.
Es ist technisch natürlich ausgereifter (Grafik, Interface), aber man merkt dem Spiel an allen Ecken und Enden seine kurze Produktionszeit an. DAO war ja damals wenn ich mich recht erinnere rund 5 Jahre in der Entwicklung. Entsprechend komplex war die Geschichte des Spiels und vor allem die Hintergrundgeschichte der Welt, die einem in den zugegebenermaßen etwas mühsam zu lesenden Codex-Einträgen präsentiert wird. Bei DA2 betreibt man in diesem Punkt z.B. schamlos Recycling. Die Codex-Einträge sind hier zu einem großen Teil übernommmen worden, liefern einem also nur teilweise wirklich neue Hintergründe der Spielwelt.
Die Tendenz, die Vermarktbarkeit der Bioware-Spiele zu erhöhen, in dem man den Actionanteil erhöht und die RPG-typischen Elemente wie Ausrüstugnsverwaltung, Crafting, Skillung reduziert oder zu einer optionalen Nebensache degradiert lässt sich hier ebenfalls nicht leugnen. Zwar schießt Mass Effect 2 hier meiner Meinung nach immer noch den Vogel ab, aber dennoch ist das eine Entwicklung, die mich sehr traurig macht. Ich hoffe inständig, dass man bei einem hoffentlich irgendwann kommenden DA3 wieder einen Schritt zurück Richtung klassisches RPG geht.
In diesem Zusammenhang ist es mir total schleierhaft, warum man die Partymitglieder nur noch im Bezug auf die Waffen individuell ausrüsten kann. Gerade das Individualisieren der Ausrüstung macht für mich einen großen Spielspaßfaktor aus. Mein Verdacht - man hatte keine Zeit mehr, die potenzielle Vielzahl an Rüstungen für alle Charaktermodelle (groß, klein, männlich, weiblich...) zu gestalten. Dafür spricht zumindest, dass man Schmuck und Gürtel weiterhin bei allen Chars ausrüsten kann.
Wie lieblos und leblos die Welt gestaltet wurde ist eines Bioware-Spiels eigentlich unwürdig. Alleine die "Side Quest", die i.d.R. so aussehen, dass man zufällig irgendwo einen Gegenstand findet, dieser automatisch eine Side Quest aktiviert, bei der dann die Leistung des Spielers darin besteht, diesen ohne weiter Erklärungen oder Dialoge einem NPC zwei Zonen weiter in die Hand zu drücken. 50 Silber, 100 XP, Danke, Bitte.
Oder die wie angewurzelt herumstehenden spärlichen paar NPC's in der Stadt. In den Dialogen wird anfangs immer wieder darauf hingewiesen, wie überfüllt die Stadt sein soll. Ja, aber wo zum Teufel sind die Leute denn alle? Da steht man auf einem großen Markt und da ist außer 4 Händlern niemand. Kein Kunde, keine Familien, keine Kinder, keine Tiere, nix. Klar, einem Fable oder Bethesda-Spielen konnte Bioware diesbezüglich noch nie das Wasser reichen, aber in DA2 fühlt sich die Stadt TOT an. Da ist nix, was auch nur ansatzweise lebendig wirkt. Lediglich in den Gaststätten kommt ein wenig Atmosphäre auf. Das ist zuwenig, da erwarte ich einfach mehr und die Rechenleistung für 10-12 geskriptete NPC's, die sich da über den Platz bewegen wird jawohl noch da sein.
Eigentlich eine Kleinigkeit, aber dennoch eine Sache, die mich im Prinzip fuchsteufelswild macht. Wie kann es sein, dass man erneut kilometerlange Listen mit den Codexeinträgen hat, die man nicht vernünftig durchgehen kann, weil parallel zum runterscrollen alle "ungelesen"-Flags gelöscht werden??? :nunu:
Zum Gameplay als solches, vor allem zum Kampfsystem wurde hier ja schon viel geschrieben, da will ich jetzt nicht mehr allzusehr zu auslassen. Ich finde das ebenfalls weiterhin gut und letztlich bis auf die fehlende Autoattack-Funktion mit Teil 1 vergleichbar.
Das hört sich jetzt alles recht schlimm an, aber - und das ist letztlich das was zählt - das Spiel macht mir großen Spaß, weil der Kern des Spiels immer noch absolut top ist! Es gibt tolle Charaktere (Varric, Isabella), zum Teil spannende und liebevoll designte Questreihen und im Bezug auf Skillungen und Ausrüstung immer noch viel zu grübeln und zu gestalten. Das Kamfpsystem ist wie gesagt auch absolut brauchbar und mit dem Vorgänger vergleichbar.
Also auch wenn Bioware hier nicht sein Meisterstück abgeliefert hat, gibt es für einen RPG-Fan eigentlich keinen Weg vorbei an DA2.
Ich finde es dennoch wichtig, dass EA und Bioware verstehen, dass der eingeschlagene Weg im Bezug auf Vereinfachung und Einsteigerfreundlichkeit seine Grenzen haben muss. Das scheint angesichts der Flamewars in den offiziellen Bioware-Foren wohl gewährleistet. Auch wenn diese im Grunde etwas übertrieben sind, hoffe ich, die Konsequenz daraus im Bezug auf ein mögliches DA3 (bei den Verkaufszahlen wohl nur eine Formsache) ist ein Schritt zurück zur Kernzielgruppe.
Ich freue mich jedenfalls auf die nächsten Stunden in Kirkwall am Wochenende!
