Metroid Other M
Oh, Other M, oh, Other M!
Meine Meinung hat sich im Grunde kaum geändert: Insgesamt ein Unfall, aber es hat einen Kern voller endlosen Potentials, aus dem man etwas Großartiges hätte machen können oder heute machen könnte.
Gameplay-wise steckt hier irgendwo ein geniales Character-Action-Game mit Ausweichen und kontextsensitiven Finishern drin. In der Praxis wird es von der Beschränkung auf die schräg gehaltene Wiimote zurückgehalten (Steuerkreuz=laufen, Steuerkreuz antippen, wenn Angriff kommt=Dodge). Das alles ist hervorragend animiert. Es macht allein schon Spaß, Samus beim Rennen zu sehen.
Außerdem kann man mit dem Zeigen der Wiimote auf den Bildschirm in die Ego-Perspektive wechseln, in der man sich nicht mehr bewegen kann, was integraler Bestandteil des Spiels ist. Das führt zu unfassbaren Verschränkungen, wenn man aus der Ego-Sicht heraus mit dem Steuerkreuz (nun oben und schwerer erreichbar) ausweichen will. Trotzdem funktioniert der Wechsel, wenn man es mal drin hat, an sich smooth. Trotz dieser enormen Einschränkungen macht das Kämpfen durchaus Spaß. Samus zielt automatisch, was manchmal etwas besser funktionieren dürfte. Wenn man beim Ausweichen den Charge Knopf hält, wird man mit einem sofortigen Aufladen des Charge Shots belohnt, doch das Fenster zum Ausweichen ist viel zu großzügig. Aber gut: Wenn man dieses Kampfsystem retten wollte, wäre das Erste, was man machen müsste, das Konzept mit der NES-Wiimote zu verwerfen und den verdammten Nunchuck anzuschließen (Ego-Sicht per Knopfdruck). Merkwürdig sind auch andere Mechaniken wie bspw. CONCENTRATION, wo man die Wiimote hochhält, um sich zu heilen und die Missiles wieder aufzufüllen. Wer kam bloß auf die dämliche Idee, Heilung und Munition so zu regeln, statt über stinknormale Drops von Gegnern … holy shit.
Die Story ist ein Debakel. Das Setup aber ist vielversprechend: Samus bekommt, aufgrund der Geschehnisse am Ende von Super Metroid dezent traumatisiert, einen wie für sie gemachtes Notsignal, und landet auf einer Raumstation. Dort trifft sie eine Truppe GF-Soldaten, von denen sie 2 persönlich kennt. Die sind alle kaum der Rede wert außer eben Adam und Anthony, aber auch nicht besonders schlimm. Jedenfalls spricht da niemand wie mein neuer Freund aus Prime 4 …
Von hier aus entspinnt sich ein Plot, der im Grunde ein gewöhnlicher Sci-Fi-Verschwörungskomplott sein will (samt Verräter im eigenen Team), zwischendurch aber immer wieder die gemeinsame Vergangenheit von Samus und Adam aufarbeitet. Ich war nie ein Gegner der Charakterisierung von Samus in Other M, ist diese doch einigermaßen konsistent mit dem Manga. Das Problem liegt hier hauptsächlich darin, dass viele ihrer Eigenschaften extrem auf die Spitze getrieben werden, so dass sie teils wirkt wie ein gewöhnlicher Anime Hero. Sie ist etwas zu naiv und scheint gerade MB gegenüber ein wenig zu leichtgläubig. Ferner sind ihre langen Monologe nicht gerade prickelnd, allen voran, weil sie häufig die aktuellen Geschehnisse zusammenfasst, wenn sie nicht gerade über Adam schwadroniert. Ich hab kein Problem damit, dass er eine Vaterfigur für sie ist und es da eine große Bindung gibt, aber so Snippets wie „Confession Time“ oder Zusammenschnitte jedes einzelnen von ihr geäußerten „Adam(s)“ sind nicht ohne Grund zum Meme geworden. Nebenher taucht immer wieder ein kleines Monster auf, das sich ständig häutet und größer wird.
Es ist im Internet schon unendlich viel über „die“ Ridley-Szene diskutiert worden. Samus ist aufgrund des Verlusts aus Super Metroid psychisch angeknackst und dann hittet das eben mal anders und bringt eine Panikattacke. Die Albernheit dieser Szene kann aber trotzdem irgendwie nicht ganz weggewischt werden. Sie hat Ridley zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 5x getötet (wenn man die Mechs und Samus Returns dazuzählt). Gut, Sakamoto interessiert die Prime-Reihe vielleicht nicht, aber selbst ohne Prime wäre ein Gähnen statt einer Panikattacke nachollziehbar(er?) gewesen. Allerdings sind Metroid, Konsistenz und „roter Faden“ ja eh so eine Sache, man kann es also auch einfach als ihren Charakter für dieses Spiel akzeptieren, wenn man will. Samus‘ Charakter wird mitnichten in Other M hinterrücks ermordet, es sind nur die Schieberegler alle auf Anschlag gestellt … Story-technisch ist das aber nicht mal das lowlight des Spiels. Diese Ehre gebührt dem Ende, einem der wohl schlechtesten letzten Sequenzen in der Videospielgeschichte.
Inszeniert ist das alles grandios. Die Rendersequenzen sehen, für ein 2010-Spiel, immer noch phänomenal gut aus. Man merkt deutlich, dass Nintendo dafür Unmengen an Geld ausgegeben haben muss. Man hätte aus den Charakteren und der Story von Other M was gutes zimmern können. Schraub die Melodramatik zurück, schleife das Skript nochmal ordentlich … und vielleicht wäre es möglich, es zu retten.
Weniger grandios ist der „Metroid“-Aspekt des Spiels. Da man sich Adam als Commander unterordnen muss, hat dieser das Sagen über Samus‘ Ausrüstung. Das führt zu himmelschreiend dummen Situationen. So erleidet Samus hörig Höllenschmerzen in brodelnder Hitze, bis Papa Adam ihr erlaubt, den Varia Suit zu aktivieren. Ist Samus masochistisch? Ist Adam sadistisch? Hm. Geht man, vor allem am Anfang, mal ein paar Meter zurück, um bspw. ein Missile Pack aufzuheben, kann es vorkommen, dass man beim Versuch, eine Bombe zu legen, mit einem roten Text abgeschmettert wird, der besagt, Adam habe dies noch nicht autorisiert. Daher sind die Momente, wo man coole neue Fähigkeiten bekommt, immer an die jeweilige Situation gekoppelt. Wenn Samus jetzt unbedingt den Wave Beam braucht, dann erlaubt Adam das auch. Fühlt sich häufig nicht gerade befriedigend an, Items so zu bekommen. Der Wave Beam aber sieht cool aus.
Das Leveldesign ist sehr schwach, obwohl es viele Pickups gibt, die nicht groß anders funktionieren wie in jedem anderen Metroid. Ironischerweise öffnet sich das Spiel im Post-Game sehr stark, und man kann viele Verbindungen freibomben und alles frei erkunden … wenn das Spiel DAS innerhalb des normalen Spielverlaufs gebracht hätte, wäre das ein Powermove sondergleichen gewesen.
Die Musik kann sich nicht zwischen mal guten Tracks, mal belanglosem Sci-Fi-Gedudel sowie grandiosen Metroid-Remixes entscheiden. So hat man hier einen Haufen unbedeutender Musik, aber auch immer wieder richtige Highlights. Hier muss ich noch eine Stärke des Spiels nennen: Atmosphärisch kann das Spiel stellenweise ordentlich was, es versprüht hier und da sogar eine gute Horror-Atmosphäre. Das passiert manchmal in den unsäglichen 3rd-Person-Sektionen, wo die Kamera hinter Samus geht und sie nur noch sehr langsam läuft. Auch so eine bescheuerte Idee …
Wie auch immer, ich wollte gar net so viel schreiben. Other M ist spielerisch mittel bis semi-gut, wo sehr viel Potential liegengelassen wurde. Es hat am Ende eine katastrophale Story und bietet eine Charakterisierung von Samus, die zwar nicht grundfalsch ist, aber doch stark überdreht wurde. Samus‘ Charakter ist und war schon immer auch tragisch, aber die eigentliche Tragik ist das Spiel selbst.
In seinen besten Momenten ist es eine 6/10, in seinen schlechtesten eine 5/10.