Ninja Gaiden 4
Mein erstes Ninja Gaiden habe ich vor über zwanzig Jahren auf der ersten Xbox durchgespielt. Danach sogar das noch schwerere Ninja Gaiden Black.
Diese Zeiten sind mit gestiegenem Alter vorbei. Besser gesagt, sowas möchte ich mir heute nicht mehr antun. Da sich aber Ninja Gaiden 4 im Game Pass befand, war ich neugierig, wie es sich so spielt und aussieht. Ein besonderer Schwierigkeitsgrad bot mir die Möglichkeit dazu.
Im "Hero"-Modus (einer Art God-Mode) kann man allerlei Einstellungen vornehmen, die das Spiel auch für Neueinsteiger, Anfänger oder alte Säcke wie mich einfach gestaltet. Man braucht sich nur zurücklehnen und schon springt und surft der neue Held Yakumo sogar von alleine, ohne dass man einen einzigen Button betätigen muss.
Auto-Guard und Auto-Dodge habe ich mir zumindest erspart, damit wenigstens etwas Spannung aufkommen sollte. Das hat auch gut funktioniert.
Yakumo gehört dem Raben-Clan an, der im Schatten des Hayabusa-Clans steht und die "Drecksarbeit" im Ninja-Untergrund erledigt. Das ermöglichte den (gemeinsamen) Entwicklern von Team Ninja und PlatinumGames die Möglichkeit einer neuen erzählerischen Entwicklung. Yakumo dient als frischer Einstiegspunkt, der die lange Hintergrundgeschichte des bisherigen Serienhelden Ryu Hayabusa nicht voraussetzte. Trotzdem kann man auch Ryu Hayabusa später im fortgeschrittenen Spielverlauf selbst spielen.
Die Story des Spiels ist aber dennoch nicht so wichtig, wie das Kampfsystem. Yakumo hat eine eigene Kampftechnik, die sogenannte "Bloodraven-Form", mit der er Blut manipulieren kann, um mächtige Waffen zu erschaffen. Dabei können normale und schwere Angriffe kombiniert werden. Gegner können durch Angriffe verstümmelt werden, was sie schwächt und eine sofortige Tötung durch eine Auslöschung ermöglicht.
Dazu gesellen sich Blocken, Ausweichen, Parieren und Kontern. Alles in einer irrsinnigen Geschwindigkeit. Profis sind auf den höheren Schwierigkeitsgraden also ähnlich gefordert wie in den alten Teilen. Das Spiel ist also grundsätzlich schwer und setzt gute Reflexe voraus.
Man kämpft sich im Spielverlauf durch eher lineare Schlauchlevel einer Cyberpunk Welt, nur unterbrochen von wenigen optionalen Pfaden zu Schatztruhen oder besonderen Ereignissen, wie z.B. dem Fegefeuer, einer Herausforderung mit Belohnungen für den Abschluss.
Das visuelle Design ist düster, brutal und atmosphärisch. Es regenet in den Außenbereichen ununterbrochen. Level in der Natur beschränken sich auf dunkle Höhlen oder felsige Klippen. Innenräume haben Industrie Design oder den Charakter eines Forschungslabors, inklusive klassischer tödlicher Laserschranken.
Die Gegnervielfalt ist gigantisch. Neben menschlichen Feinden, wie z.B. die Divine Dragon Order, bestehend aus Schwertkämpfern, Speerträgern, Scharfschützen, Raketenträgern und Elite-Einheiten, gibt es auch Dämonen. Eine neue Fraktion, die mit trügerisch charmantem oder spirituellem Aussehen täuscht, bevor sie mit heimtückischen Angriffen zuschlägt. Es gibt auch wieder unterschiedliche Monster, die sich im Design von den menschlichen Gegnern abheben. Dazu gehören etwa Zombie- und Horn-Dämonen, Schatten-Dämonen, fliegende Dämonen und andere Kreaturen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen.
Das alles bekämpft Yakumo mit seinen vier Hauptwaffen, angefangen mit seinen Zwilligskatanas. Dazu kommen nach und nach das Yatousen, ein Rapier, das sich im Blutraben-Modus in einen Bohrer verwandelt, der Bebenstab, der zu einem Hammer mutiert und das Kage-Hirugo, eine vielseitige Waffe, die im normalen Zustand aus Wurfsternen, Bomben und Tonfas besteht und sich in eine Reihe von mechanischen Armen verwandelt, die für Angriffe auf mittlere bis lange Distanzen nützlich sind. Die fünfte und finale Waffe ist das Dunkle Drachenschwert, das sich ähnlich wie das von Ryu spielt.
Natürlich kann Yakumo das alles vielseitg aufrüsten, seine Moves verstärken und gewonnene Erfahrungspunkte verteilen. Ninja Münzen werden für den Kauf von allgemeineren Kampffähigkeiten, Verbrauchsgütern und Zubehör verwendet. Sie können bei besiegten Gegnern, in Truhen und durch das Erfüllen von Missionen gefunden werden.
Waffen-EP werden ausschließlich für die Freischaltung und das Upgrade von neuen Techniken und Moves für eine bestimmte Waffe verwendet. Je mehr eine Waffe benutzt und Gegner mit ihr besiegt werden, desto mehr Waffen-EP erhält man dafür.
Nötig wird die Aufrüstung spätestens in den zahlreichen Bosskämpfen, von denen es mindestens einen in jedem der 20 unterschiedlich langen Level gibt.
Ein Markenzeichen der Reihe, Blood & Gore, kommen auch nicht zu kurz. Ständig fliegen abgetrennte Gliedmaßen durch die Gegend und literweise roter Lebenssaft spritzt gegen den Bildschirm.
Ninja Gaiden 4 besitzt keine Hintergrundmusik wie die Vorgänger und nur wenige Musikstücke in Zwischensequenzen. Die Kampfsounds sind aber brachial und ein wichtiger Teil der immersiven Erfahrung, insbesondere im Hinblick auf die Brutalität der Kämpfe.
Fazit: Hat man sich erstmal an die unglaubliche Komplexität der Kämpfe gewöhnt und den richtigen Flow mit seiner Wunschwaffe und einer individuellen Kampftaktik erreicht, kann Ninja Gaiden 4 richtig süchtig machen.
Die maue Hintergrundgeschichte ist ausreichend und auch die etwas betagt anmutende Grafik (allerdings mit tollen Effekten in den Kämpfen) kann man so mitnehmen. Gewöhnungsbedürftig sind die Parkour-Passagen, aber die kann man auch automatisch ablaufen lassen, sollte man zu oft scheitern.
Die, je nach Spielstil und Schwierigkeit, zehn bis fünfzehn Spielstunden sind spannend und voller Abwechslung, wenn auch nicht immer visueller Natur. Das Cyberpunk-Setting geht in Ordnung und ist mal etwas anderes. Ebenso der neue Held, Yakumo. Er ist erfrischend anders als Ryu Hayabusa, jung, charismatisch und in einem gewissen Rahmen sogar emotional.
Performance (Leistungsmodus) und Bugfreiheit waren auf der Xbox Xeries X übrigens phänomenal. Man merkt, dass Koei Tecmo hier Wert auf sehr hohe Qualität gelegt haben. Schließlich lässt auch die präzise und punktgenaue Steuerung keine Wünsche offen.
9/10