Gothic 1 Remake
Das Weltkulturerbe des Ruhrgebiets - das unverständlicherweise keines ist - heißt Gothic und hat ein Remake aus Spanien bekommen.
Nach dem "Playable Teaser" von vor schon wieder 6 Jahren hat wahrscheinlich niemand daran gelaubt, dass Alkimia Interactive die Mammutaufgabe stemmen könnte, so ein nischiges, aber legendäres RPG wie Gothic zu neuem Glanz verhelfen. Doch nach dem Durchspielen steht für mich fest: Das haben sie.
Man merkt in jeder Faser dieses Spiels, dass die Entwickler gebührenden Respekt vor dem Original hatten. Und trotzdem ist das hier ganz ganz weit weg von einem 1:1-Remake. Die Welt ist größer, das Kampfsystem neu, das Balancing ist neu, die Wirtschaft ist anders, es gibt neue Quests, große und kleine Neuerungen und Erweiterungen, Anpassungen und alles außer dem Todesschrei des Helden wurde neu eingesprochen.
Obwohl sie so viel geändert haben, fühlt man sich gleich wie zuhause, denn an den Eigenheiten eines Gothic hat man doch nicht gerüttelt. Das Kämpfen ist, vor allem anfangs, unglaublich zäh und das Spiel ist lange bockschwer. Aber das gehört alles dazu. Nur daraus, dass der Held anfangs ein Schwert wie ein Besoffener schwingt, kann das enorme Belohnungsgefühl erwachsen, das sich aus dem genialen Upgrades ergibt: Denn trotz der Balance-Änderungen krachen Upgrades hier richtig. Der Unterschied zwischen einer Stufe Einhandkampf und der nächsten ist wie Tag und Nacht, man fühlt sich nach der ersten neuen Rüstung lange so, als hätte man plötzlich Endgame-Gear. Plötzlich kann man Gegner töten, plötzlich hält man mehr als einen Treffer aus. Warum ist das so wichtig, dass die Upgrades so einen riesigen Unterschied machen?
Das liegt daran, dass es sich hier um ein Open World-Spiel handelt. Aber im Gegensatz zu vielen modernen Vertretern des Genres ist die Welt 1. verhältnismäßig klein und 2. gibt es "natürliche Begrenzungen". Man kann nicht überall sofort hin, weil man gar keine Chance hat. Mit den Upgrades wird das Spiel leichter und man kann mehr von der Welt erkunden. Leveln ist aber nicht nur deswegen so belohnend, weil man stärker werden kann, sondern auch, weil es so viele unterschiedliche Sachen zu lernen gibt. Die unterschiedlichen Nah- und Fernkampfwaffen, man kann Magier werden, Schmied, Tiere ausnehmen, Schlösser knacken oder Taschendiebstahl lernen usw.
Das beste an Gothic ist aber das Questsystem. Vor allem in den ersten paar Kapiteln sind die Quests super cool aufgebaut, vieles ist eng ineinander verzahnt, man bekommt ständig neue Optionen, die sich gerne auch gegenseitig widersprechen. Dabei wird nicht immer einfach alles über das Kämpfen gelöst, hier geht sehr viel auch nur über Dialoge. Gothic kann diese Dichte und Komplexität nicht komplett durchziehen und es wird mit stetiger Spielzeit immer "simpler", so wie auch das Spiel generell etwas abbaut.
Allerdings wurden im Remake die schlimmsten Dämpfer ausgebessert: Es gibt neue Quests, die die latente Frauenfeindlichkeit des Spiels etwas eindämmen oder solche, die Lücken füllen. Die sagenumwobene Ulumulu-Quest, die im letzten Drittel zu den absoluten lowlights von Gothic gehörte, wurde stark gestrafft und ist weitaus erträglicher. Außerdem sind die Orks hier viel mehr im Spotlight, man kann
ihre Sprache und ihren Kampfstil lernen und in deren Lager ist mehr los - allerdings hätte ich mir fast ein bisschen mehr
Ork-Content gewünscht.
Eine weitere Stärke ist das Setting. Nicht unbedingt die Story, aber über das Setting geht hier sehr viel. Durch einen Unfall ist ein großer Bereich des Landes, die Kolonie genannt, von einer magischen Barriere umschlossen, aus der es kein entrinnen gibt. Es bilden sich mehrere Lager, die alle unterschiedlich mit der Situation umgehen (einige suchen einen Weg, die Barriere loszuwerden). Aus diesem Setting holt Gothic sehr viel raus. Die Story an sich ist nicht so mega Hammer, allerdings gefallen mir die lovecraft'schen Ansätze daran sehr.
Die Welt bietet viel zum Entdecken. Ich hatte meistens das Gefühl, gut belohnt zu werden, und Neuerungen wie das
Reiten oder Kletterwände sind fantastisch. Gerade letztere sind so wunderbar oldschool Zelda-like, das mir das Herz aufgeht. Die werden gut eingesetzt. Dieser Skill lohnt sich sehr! Da die Welt relativ klein ist und man ihre Orte sehr häufig und immer wieder besucht, baut man eine gute Bindung zu diesen und ihren Bewohnern auf. Viele der Figuren haben Eigenheiten, man schließt so einige Leute gut ins Herz!
Das alles wird von einer phänomenalen Musik untermalt. Der Originalsoundtrack von Kai Rosenkranz war schon super, aber hier hat er sich wirklich komplett übertroffen. Egal ob er die alten Stücke verbessert und erweitert oder ob es ganz neue sind, der Soundtrack ist eine Wucht. An einer Stelle wird sogar der Soundtrack von Gothic 3 angeteased, Gänsehaut!
Aber es ist nicht alles rosig im Minental. Das Spiel baut mit der Zeit durchaus ab. Sobald es seine "Hauptgeschichte" erzählen will, wird es linearer und simpler, teils etwas videospielig. Das Remake kann das hier und da mit guter Atmosphäre ausgleichen, aber die Qualität der ersten beiden Kapitel kann es nicht halten. Das (neue) Ende ist zudem extrem kampflastig, was für den ein oder anderen vll etwas zu viel des Guten sein mag.
Zu diesen Negativpunkte gesellen sich auch solche Probleme, die man vielleicht nicht aus dem Original hätte rüberbringen sollen: Das Spiel ist ziemlich verbugged, was durchaus frustrierend werden kann und zu nervigem Neuladen führt (viel Schnellspeichern ist absolute Pflicht!). Hinzu kommt eine sehr schlechte Performance, die vor allem auf den Konsolen teilweise ein Verbrechen ist. Eine Woche nach Release gab es einen Patch, der für meine Xbox Series X einen 60FPS- und unlocked FPS-Modus hinzufügte. Das Spiel erreicht sicherlich niemals saubere 60FPS, aber alles ist mir lieber als feste 30. Was Geruckel etc. angeht, nervt es zwar hier und da, aber es ist größenteils nicht so, dass dadurch die Spielbarkeit beeinträchtigt würde. Leider ist das gegen Ende anders: Im letzten Dungeon gibt es (sehr kurze, kleine) Stellen, die ohne erkennbaren Grund irrsinnig ruckeln. Das wäre noch irgendwie zu verschmerzen, aber es gibt dort Bosskämpfe, die ebenfalls zu einem Daumenkino werden können. Wenn diese Kämpfe nicht so einfach wären, befände man sich an dieser Stelle wahrscheinlich schon Jenseits der Unspielbarkeit. Das muss unbedingt noch gefixt werden. Wo wir bei Bosse sind: Gothic 1 (Remake) kann keine guten Bosse. Kämpfe sind eigentlich nur gegen menschliche oder tierähnliche Monster spaßig, Bosse sind aber fast durchgehend lame.
Wie auch immer: So macht man Remakes! Man nimmt das Original, respektiert es als sei es ein göttliches Artefakt, poliert es mit allergrößter Vorsicht und fügt Sachen vorsichtig hinzu. Was diese "Machart eines Remakes" angeht, gibt es wahrscheinlich kein derart gutes Remake wie Gothic 1 Remake. Es vereint unglaublich gut das Alte und das Neue. Mir ist kein Remake bekannt, das sowas je auf diese Weise hinbekommen hat - außer vielleicht AM2R.
Ich zücke für das Spiel an sich ne
9/10. Von der 10 wird es allein vom Abwärtstrend der Kapitel abgehalten - wenn ich kein Fanboy wäre, würde ich vll ne 8 geben.
Technisch ist das Spiel natürlich ... schwierig, sowohl Bugs und Performance stehen dem Spiel im Weg. Das Spiel hat aber bereits mehrere Patchs bekommen (erst heute einen!), das allerschlimmste (kaputte Savegames) sollte also längst durchgestanden sein, aber trotzdem ist da noch viel zu tun. Würde ich eine 3/10 für die Technik zücken, käme ich bei einer Endwertung von 6/10 raus.
Gothic 1 Remake ist ein Meisterwerk mit so vielen Ecken wie es Kanten hat. Alkimia Interactive hat das unmögliche geschafft und selbst eingefleischte
Gothic-Gurus, die seit 20 Jahren nix anderes spielen, überzeugt (die meckern natürlich mehr über Kleinigkeiten wie neue Gegnerdesigns, die ich aber alle geil fand).
Ich hasse, das sagen zu müssen, aber ja: Bitte macht Gothic 2 Remake! Gothic 2 ist nochmal besser als Gothic 1 ... die Welt hat es verdient!