Auf der anderen Seite bin ich sehr enttäuscht von der "Gamergemeinde". Diese stellt sich ja gerne als fortschrittlich und modern da, offen gegenüber neuem und technikverliebt. In Wahrheit hat sie sich jedoch nun als stock-konservativ entlarvt. Meiner Meinung nach tolle Funktionen wie Family-Sharing, Disc-loses Spielen, eine Cloud-basierte Spielebibliothek wurden nicht gewollt. Umfangreiche Zusatzfeatures der Konsole für die Intergration ins Heim-Entertainment-System (HDMI-IN, Live-TV, Twitch, Skype...) sowie ein technisch beeindruckender neuer Kinect-Sensor werden belächelt oder als überflüssig angesehen.
Die breite Masse der Gamer erwartet offenbar von der nächsten Konsolengeneration aber einfach nur eine bessere Grafik. Ansonsten will man bloß keine Veränderungen - Disc ins Laufwerk, Controller in die Hand, bessere Grafik bewundern und losdaddeln.
Das Family Sharing, das man eigentlich besser als Game Sharing bezeichnen sollte, weil Microsoft es nämlich so vermarktet hat, dass man die Spiele mit jedermann teilen kann und nicht nur mit der Familie, ist der einzige wirkliche Vorteil, der jetzt weggefallen ist. Nur sollte man sich an dieser Stelle auch mal fragen, ob das wirklich ein Pflicht-Feature geworden wäre, das jedes Spiel unterstützen muss. Denn wäre das kein Pflichtfeature geworden, kannst Du darauf wetten, dass das nur eine extrem geringe Anzahl an Spielen unterstützt hätten, weil mit diesem System (Spiel A kannst Du mit 10er-Gruppe X teilen und Spiel B mit Spielergruppe Y teilen) die Publisher insbesondere bei Singleplayer-Titeln weitaus größere Verkaufseinbrüche erzielt hätten als noch mit den Gebrauchtspielen, hätten die Spieler das System bis zum Äußersten ausgereizt. Alternativ hätten die Publisher durch verstärkten Fokus darauf, dass alle Spiele in einem Quasi-Multiplayer laufen, dieses Sharing-Feature auch wunderbar umschiffen könne.
Dass Disc-loses Spielen und eine Cloud-basierte Spielebibliothek nicht gewollt worden sind, kann man auch nicht sagen. Beides wurde nur unter den Bedingungen, die Microsoft gestellt hat, nicht gewollt. Denn beides geht selbst auf der Xbox 360 seit Jahren und wird selbst jetzt nach den Änderungen immer noch prima funktionieren. Die Games On Demand und XBLA sind nämlich genau das: eine digitale Spielebibliothek, die man überall mit hinnehmen kann, solange man dort Internet hat. Und auf der Primärkonsole kann man sie im Gegensatz zum ursprünglichen Xbox One-Konzept sogar auf Jahre hinaus offline nutzen, solange das Spiel nicht auf Internetfunktionen zugreifen muss. Die Leute sind nicht komplett gegen digitale Ware, aber es muss halt unter vernüftigen Spielregeln stattfinden, das zeigt der Erfolg von XBLA ganz deutlich.
Klar, man kann diese Spiele nicht wieder verkaufen, aber selbst da ist ja noch nicht gesagt gewesen, dass die Publisher bei das Spiel mit dem Gebrauchthandel von den Xbox-One-Retail-Discs, die eigentlich nur Lizenzen sind, mitgemacht hätten - immerhin war das optional.
Und natürlich kann man argumentieren, dass Games on Demand jetzt weiterhin teuer bleiben werden, weil es weiterhin altmodische Spiele-Discs gibt. Aber auch hier hätte erstmal der Beweis angetreten werden müssen, dass die digitalen Spiele bei der ursprünglichen Xbox One-Vision auch wirklich günstiger geworden wären. Denn diese Vision war ja ein durch und durch geschlossenes System, das voll unter Kontrolle von MS und den Publishern steht und keinerlei Konkurrenz ausgesetzt ist. Und solche geschlossenen Systeme, die voll unter Kontrolle der Verkäufer stehen, tendieren nicht unbedingt dazu, Preisverfall zu forcieren. Steam-Sales gibt es auch nur, weil Steam zwar eine große Marktmacht hat, aber es immer noch genug Konkurrenz in Form von z.B. Origin, gog oder Amazon gibt.
Dass Funktionen wie das Funktionen wie das HDMI-In für Live-TV belächelt werden, ist wiederum auch nur deshalb der Fall, weil das eine komplett halbgare Lösung ist.
Wäre die Xbox One eine richtige Set-Top-Box mit DVR-Funktionen, dann wäre das ein wirklich ernst zunehmendes Feature, weil sie dann wirklich eine All-In-One-Lösung wäre, die andere Geräte ersetzen würde. Stattdessen ist die Konsole eine 500 Euro teure Fernbedienung mit Kinect-Steuerung, die nur Live-TV steuern kann und weiterhin auf die alten Geräte angewiesen ist und die vor allem nur so gut ist wie auch die alten Geräte. Die Bedienung mag an einigen Stellen einfacher werden, aber ist der via HDMI-In verbundene Receiver elendig langsam, ist er auch noch elendig langsam, wenn er durch die Xbox bedient wird.
Twitch wird von den meisten Leuten sicherlich belächelt, ist aber vor allem für eine kleinere Gruppe an Leuten wie z.b. den Let's Playern interessant. Außerdem ist das kein Alleinstellungsmerkmal der Box, sondern wurde bereits vorher von Sony mit Ustream angekündigt.
Und Skype? Ja, Skype mag durchaus der nächste Schritt in Sachen Kommunikation auf der Xbox sein und bietet durchaus ein bisschen mehr als bisher der Party-Chat und Video Kinect, ist aber definitiv keine Revolution. Zumal Skype angesichts der Skandale der letzten Zeit momentan auch nicht grade den besten Ruf hat.
Und der technisch so fortschrittliche Kinect-Sensor ist sein Funktionalität nunmal genauso spooky wie er beeindruckend ist. Kann man das Misstrauen der Leute angesichts der Daten, die das Gerät theoretisch erheben kann, nicht nachvollziehen? Die Skepsis wäre weitaus geringer, wenn man bei den Ding ganz einfach den Stecker ziehen könnte, wenn man es grad nicht nutzen will. Geht aber nicht. Und dass sich der besorgte Konsument dann fragt, warum das nicht geht und außer "ist ein integraler Bestandteil des Systems" keine gescheite Antwort bekommt, ist schlicht und einfach kein gutes Marketing und weckt Skepsis ohne Ende. Kommt noch hinzu, dass den ganzen E3-Berichten mehr oder weniger zu entnehmenden war, dass der dominierende Großteil an Spielen die Kinect-Funktionen bisher überhaupt nicht nutzt, geschweige denn in irgendeiner hochinnovativen oder hochnützlichen Form.