Ich habe nun am Wochenende auch Episode 5 gespielt und beendet. Fangen wir mal mit dem Schlechten an. In irgendeinem Thread hier im Forum (hab das eben nicht mehr gefunden) las ich von Enttäuschung im Bezug auf Episode 5 und das Ende des Spiels, allerdings ohne, dass es da konkreter wurde.
Ich kann das auch gerne konkreter machen.
Der Anfang der Episode (ungefähr die ersten 20 Minuten) ist absolut großartig. Das Ende (also die letzten 10 Minuten) ebenfalls, zumindest wenn man das Ende-Ende eines der Enden außer Acht lässt (siehe Spoiler). Aber gesamte Mittelteil (ungefähr 1 1/2 Stunden) ist meiner Meinung nach kompletter Müll.
Wobei die Probleme eigentlich schon am Anfang der Episode anfangen... (Jetzt beginnt der Spoiler-Teil)
[SPOILER2=Episode 5]Das Gespräch, das man mit David führen kann, ist wirklich toll inszeniert und wahrlich emotional. Aber letztlich verpufft der gesamte Effekt dieser Szene, weil man ja schon ganz genau weiß, dass alles, was man nach dieser Szene macht nur dazu dient, erneut in der Zeitlinie rumzupfuschen und diese Szene somit ungeschehen zu machen.
Das gleich gilt für die Gespräche mit Joyce, Frank und Warren. Wenn man sich jetzt nicht zu sehr an der Idee aufhängt, dass jede Rumpfuscherei an der Zeit ein Paralleluniversum eröffnet, was das Spiel an keiner Stelle in der gesamten Staffel nahelegt, werden diese Gespräche auch alle aus der Zeitlinie gelöscht und sind somit schon in dem Moment irrelevant, in dem man die initiiert.
Das Gespräch mit Warren hingegen ist ein fast schon lächerliches Storyvehikel, das absolut keinen Sinn ergibt. Ja, man braucht das Foto und muss deshalb dieses Gespräch führen. Aber die Tatsache, dass Warren (rein aus Liebe?) als - wie er selber sagt - Möchtegern-Wissenschaftler den ganzen massiven Info-Dump, den Max ihm da innerhalb weniger Minuten auftischt auch nur ohne einen einzigen handfesten Beweis glaubt, ist ein absoluter Witz. Insbesondere, wenn man bedenkt, wie lange man in den vorherigen Episoden gebraucht hat, um Chloe von Max' Fähigkeiten zu überzeugen.
Im Prinzip sind fast sämtliche neuen Story-Elemente und Entscheidungen ab dem Verlassen des Dark Room bis auf wenige für Story vollkommen irrelevant und reiner Füllstoff. Und dieser Füllstoff gipfelt am Ende in der ganzen Albtraumsequenz, die der absolute Höhepunkt an Ideenlosigkeit ist. Ja, der Albtraum ist stellenweise hübsch verpackt (wie z.B. die Sequenz, in der alles rückwärts läuft oder auch dieses "Museum"), aber im Prinzip ist das pures Recycling, weil man eine Szene aus Episode 1 bis 4 nach der anderen noch einmal erlebt und diese ganze Sequenz sich elendig lang hinzieht, dass es die gesamte Dynamik der letzten Episode zerstört.
Spätestens an der Stelle, als man sich an den Taschenlampen vorbeischleichen muss, musste ich mich arg zusammenreissen, das Spiel überhaupt weiterzuspielen, weil diese Stelle spielerisch auch noch eine Ausgeburt an Spaßbefreitheit ist.
Das ganze Geld, das für diese Sequenz draufgegangen ist, hätte man an anderer Stelle investieren können. Zum Beispiel, um ein umfangreicheres und zufriedenstellenderes "Sacrifice Arcadia Bay"-Ende zu schreiben, denn jenes ist ein absoluter Witz. Ich kann verstehen, dass das "Sacrifice Chloe"-Ende für viele Spieler das einzige oder richtige Ende ist und dies auch für Dontnod vielleicht das wichtigste Ende war.
Ich kann die Argumentation verstehen, dass der verhinderte Tod von Chloe der Auslöser für das ganze Wetterchaos war und man die Welt nur reparieren kann, wenn man Chloe opfert.
Nur ging es für mich in den Spiel nie darum, Supermax zu werden und die Welt (bzw. Arcadia Bay) zu retten. Meine Interpretation der Geschichte war seit spätestens Episode 2 immer die, das Life Is Strange eine Geschichte ist, in der es sich um Freundschaft (oder Liebe) dreht. Dass es darum geht, wie wichtig es ist, Freundschaften zu erhalten und auch mal etwas für sie zu opfern. Für mich hat sich immer die Frage gestellt, warum Max ihre Fähigkeiten erhalten hat. Natürlich ist es eine valide Sichtweise, dass dies hauptsächlich dazu gedient hat, die Machenschaften in Arcadia Bay aufzuhalten, aber da Chloes erster Tod der Auslöser für den Erhalt der Fähigkeit war, war für mich persönlich die einzig schlüssige Interpretation, dass es nur um Chloe ging.
Von daher habe ich keine Sekunde gezögert und mich für das "Sacrifice Arcadia Bay"-Ende entschieden, genauso wie ich keine Sekunde gezögert habe, Chloe in der alternativen Zeitlinie ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Während der gesamten 5 Episoden waren die Autoren sehr darum bemüht, Arcadia Bay als eine Stadt darzustellen, die einem permanenten ökonomischen und moralischem Verfall unterliegt und dass die gesamte Stadt mehr und mehr korrumpiert wurde. Das zu reparieren bzw. den Charakter der Leute wie Victoria, dem Schuldirektor oder auch der Prescotts zu ändern, benötigt letztlich ein bisschen mehr als nur ein paar "Gutmenschen-Handlungen" (um es mal etwas überzogen zu formulieren) von Max. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Ende Leute wie Joyce oder Frank in ein noch viel tieferes Elend stürzt als das, was sie schon vorher
Und als jemand der diesem Interpretationspfad folgt, dass es eben hauptsächlich um Chloe geht, habe ich mich von dem ziemlich unfertig wirkenden zweiten Ende ziemlich im Regen stehen gelassen gefühlt.
Ich könnte jetzt sicherlich auch noch ein paar andere Punkte aufzählen, warum ich Episode 5 nach den wirklich tollen vorherigen 4 Episoden als große, große Enttäuschung empfinde, aber ich will hier keine Romane schreiben und denke, dass trotzdem ganz gut rüberkommt, warum ich so enttäuscht bin.[/SPOILER2]
Es gibt also durchaus einige Punkte, in denen wir durchaus übereinstimmen, da ich aber in Bezug auf das Ende einem anderen Pfad folge als Du, verstärkt das wahrscheinlich gewisse Probleme der Episode nochmal um ein gutes Stück.
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Achja, und bevor jetzt wieder jemand mit dieser "Kunst und Künstler"-Argumentation kommt, ohne das Spiel selber gespielt zu haben, bitte ich doch darum, genau das erstmal zu tun.