Das Problem mit dem Onlinezwang ist nie gewesen, dass die Leute, die das kritisieren, ihre Konsole nicht regelmäßig oder permanent online habe.
Stattdessen gibt es viele Gründe, warum das für uns Kunden ein Nachteil ist, während es kaum Vorteile gibt.
1. Server offline, Spiel weitestgehend nicht spielbar.
Und damit meine ich nicht nur das eigene Internet, das ausfallen kann, sondern Microsofts Server.
Passiert nicht häufig? Ja, aber mit Microsofts Servern ist regelmäßig irgendwas nicht in Ordnung. Mal funktionieren Erfolge nicht richtig, mal funktionieren der Store oder zumindest Zahlungen nicht richtig, mal spielen die Partys verrückt, mal lassen sich Spiele nicht starten, weil die Lizenzen nicht überprüft werden können.
Das konnte man in den letzten Jahren alles mehrfach erleben. Gran Turismo 7 war über 30 Stunden nicht spielbar, weil ein Patch Problene gemacht hat und die Server nicht erreicht werden konnten.
2. Ohne lokale Speicherung ist man komplett Microsoft ausgeliefert, wenn es um die Sicherung der Daten geht.
Kein Problem? Nun, EA hat es erst vor ein paar Monaten geschafft, 60% aller Madden-Franchise-Daten zu verlieren. Ein Einzelfall? Klar, aber so ein Einzelfall kann immer wieder auftreten. Und selbst wenn es nicht korrumpierte Backup-Daten gibt, werden die nicht ganz aktuell sein. Je weniget Fail Saves (z.B. lokale Spielstände) es gibt, desto wahrscheinlicher, dass das passiert.
3. Wenn die Hersteller die komplette Kontrolle über die Speicherdaten haben, können sie das Spielverhalten jederzeit komplett analysieren und das Ingame-Ökosystem entsprechend anpassen.
Das Spiel rechnet sich so nicht? Die Spieler schreiten zu schnell voran? Es werden dringen Mikrotransaktionen wie XP-Booster gebraucht oder zumindest müssen die Spieler länger an das Spiel gebunden werden und der FOMO-Faktor erhöhht werden?
Wie passend, dass Forza, wie gestern im Stream erwähnt, so designt wurde, dass es jederzeit "adjusted", also angepasst, werden kann.
Und wer das für eine irre Verschwörungstheorie hält, braucht sich nur mal anschauen, wie oft Live Service-Games zu Ungunsten der Kunden angepasst und nachträglich mit Grind, FOMO oder Mikrotransaktionen wie Time Savern versehen werden.
Selbst Forza Horizon hat mittlerweile extrem teure Autos, die wie in MMOs nur dazu dienen, Währung aus dem Ingame-Wirtschaftskreislauf zu entfernen, wenn davon zuviel im Umlauf ist.
Und wir haben auch gleich noch eine schöne passende Meldung dazu. Rockstar entfernt nämlich über 180 aus dem Ingame-Store von GTA Online und macht einige nachträglich zu Bezahlinhalten via GTA-Abo. So sieht das nämlich auch gerne mal in diesen "lebenden Service Games" aus, die jederzeit angepasst werden können.
4. Spieleerhaltung/Spielehistorie/Spiele als Kulturgut
Die Industrie hat sowieso ein generelles Problem damit, ihr Kulturgut Spiel zu erhalten. Im Rennspielbereich ist das durch die Lizenzen noch schlimmer.
Darum müssen sich Leute kümmern, die Emulatoren entwickeln und Mods erstellen, die die Spiele an Leben erhalten. Und ja, auch Forza 3 und 4 werden immer noch gespielt unf bekommen via Emulation Mods. Es werden immer noch Videos, Streams, Retrospektiven zu diesen Spielen gemacht.
Obwohl sie alt sind und vor allem, weil sie für viele bis heute als viel besser gelten als die 3 Forzas danach, oder weil viele Autos und Strecken es nie in Nachfolger ohne andere Spiele geschafft haben.
Das wird mit dem neuen Forza irgendwann nicht mehr möglich sein. Es wird immer noch rudimentär spielbar sein, aber die Kernspielerfahrung mit Karriere, Upgrades, Progression wird für immer verloren sein.
Das sind jetzt nur mal die 4 wichtigsten Punkte, um den Post nicht ewig lang werden zu lassen.
Und wofür das alles? Um die Integrität des Spiels zu wahren? Selbst wenn wir Turn 10 jetzt mal den Vertrauensvorschuss geben, das es nicht Kontrollwahn, Telemetriedatenüberwachung, MTX und Manipulation der Ingameökonomie zugunsten des Herstellers geht, sondern um Cheater im Multiplayer, dann zahlen hier viele den Preis für wenige.
Nämlich für 4,24% oder 2,21% der Spielerschaft. Das ist nämlich der Anteil an Spielern, die mehr als 100 bzw. 300 Runden im Mehrspielermodus gefahren sind.
Man kann also ganz klar sehen, dass Forza vor allem eine Einzelspielererfahrung ist. Und selbst wenn wir jetzt mal sagen, dass die ganzen Punkte da oben für viele Einzelspieler nicht relevant sind, weil es ihnen egal ist, wird das Spiel für sie durch den Onlinezwang aber auch nicht besser, weil es bisher kein Onlinefeature zu sehen gab, dass den Singleplayermodus wirklich verbessert hat und das ohne Onlinezwang nicht möglich wäre.
Es gibt letztlich nur ein Szenario, bei dem ich Onlinezwang in einem Rennspiel für akzeptabel halte: Bei Spielen, die ganz klar primär auf Online-Wettbewerb ausgelegt sind, die vor Cheatern geschützt werden müssen und bei den Einzelspielermodi nur ein optionaler Nebenschauplatz sind. Also sowas wie iRacing oder Raceroom, wo der Hauptbetrieb im Mehrspielerwettbewerb stattfindet.
Aber solche ein Spiele werden weder Forza noch Gran Turismo nie wirklich sein, was man ja auch an den obigen Zahlen sieht. Wer Simracing ernsthaft betreibt, spielt auf dem PC und steckt bereits vielen, teilweise hunderten bis tausenden Euro in iRacing und Co. drin, die dafür viel bessere Bedingungen bieten. Diese Sims bieten ja nicht mal Karrieremodi.
Davon abgesehen ist es halt auch eine dumme Idee, in Zeiten eines ansteigenden Handheld-Trends auf dem PC Spiele zu machen, die mobil nicht spielbar sind, wenn grade der PC (Game Pass) der größte Wachstumsmarkt für Xbox ist. Aber das ist nochmal ein anderes Thema.
Ich kann ja gerne mal die Spiele auflisten, die ich in den letzten 2 Monaten gespielt habe (alle PC):
- Dirt 3 (2011)
- Ride (2015)
- Ride 2 (2016)
- Ducati 90th Anniversary (2015)
- MXGP (2014)
- MXGP 2 (2016)
- Sebastien Loeb Rally (2016)
Gekauft habe (auch alle PC) ich in den letzten 9 Monaten u.a. Colin McRae Dirt, Grid Autosport, F1 2012, Flatout 1/2/2.5, Project Cars 1, Xpand Rally, Xpand Rally Xtreme, GTR 1/2, GT Legends, Race 07, Shift 2. Das älteste Spiel ist pbrigens von 2004.
Dank Steam Sales, Humble Bundle und günstigen Retailversionen haben mich die ganzen oben genannten Spiele übrigens zusammengenommen weniger gekostet als die Premium-Version des neuen Forzas mich zum Launch kosten würde.
Und auch wenn einige der Spiele keine aktiven mehr haben, was gelegentlich zu Fehlermeldungen oder längeren Ladezeiten führt, weil die Spiele nach Servern suchen, die nicht mehr da sind, sind die Einzelspielermodi immer noch vollkommen intakt.
Und wie
@Khorny kaufe ich Rennspiele nicht nur zum Durchnudeln, sondern zum regelmäßigen erneuten Spielen. Deswegen ist diese Liste auch so antik, da meiste davon Nochmal-Käufe sind, um die Spiele von ihren niedrigen Grafikeinstellungen und 30fps-Konsolenfesseln zu befreien. Und viele der Spiele sehen in höheren Auflösungen, mit besseren Texturen, AA und AF immer noch verdammt gut aus.
Wenn ich noch eine funktionierende 360 hätte, würde ich auch regelmäßig Forza und PGR 3 und 4 spielen.
Fast jedes der Spiele hat irgendwas (Strecken, Fahrzeuge, Features, Modi), das andere und/oder neuere Spiele nicht haben. Deswegen halte ich auch absolut nichts davon, dass die Industrie Spiele immer mehr zu einem Verbrauchsgut wie Toilettenpapier verkommen lassen will.